Surreale Collage mit der Sängerin Hermoine Zittlau als Königin in prunkvollem Rot-Gold-Kleid und Hermelinmantel vor einer violett-beigen Tapete. Links ein kleines Fenster, rechts der Gebärdensprachpoet Gunter Trube als königlicher Berater, dessen Größe und Pose ihn vom Raum losgelöst wirken lassen. Am unteren linken Rand ein angeschnittenes Gesicht mit geöffnetem Mund. Eingeblendet der Untertitel: „Her Majesty should listen in disguise“ [Du musst Dich umkleiden und zuhören].

Re-Accessing Audiovisual Archives

„Aesthetics of Access“ als künstlerisches Verfahren ableismussensibler Erschließung für Videokunst

Datum

08.06.2026

Bildbeschreibung

Surreale Collage mit der Sängerin Hermoine Zittlau als Königin in prunkvollem Rot-Gold-Kleid und Hermelinmantel vor einer violett-beigen Tapete. Links ein kleines Fenster, rechts der Gebärdensprachpoet Gunter Trube als königlicher Berater, dessen Größe und Pose ihn vom Raum losgelöst wirken lassen. Am unteren linken Bildrand und oben rechts befindet sich jeweils ein angeschnittenes Gesicht mit geöffnetem Mund. Eingeblendet der Untertitel: „Her Majesty should listen in disguise“ als Schriftsprache zu den von Gunter Trube in British Sign Language (BSL) ausgeführten Gebärden. Im oberen Bildbereich erscheint der gelbe Schriftzug „[wob-wob]“, eine lautmalerische Untertitelung, die auf ein vibrierendes oder schwankendes Klangereignis verweist. Die Untertitel wurden von Carefuffle im Auftrag des IMAI gestaltet.

 

Forschungsprojekt

Videokunst gilt seit ihren Anfängen in den 1960er-Jahren als offene und international zirkulierende Kunstform, die eng mit gesellschaftlichen und medialen Transformationsprozessen verbunden ist. Ihre technische Reproduzierbarkeit und vielfältigen Distributionsformen haben früh neue Möglichkeiten der künstlerischen Produktion, Vermittlung und Teilhabe eröffnet.1 Im Verlauf ihrer Kanonisierung und Institutionalisierung haben sich jedoch ästhetische und technische Konventionen herausgebildet, die die Wahrnehmung und Zugänglichkeit des Mediums strukturieren, begrenzen und ausschließen.2 

Auch digitale Videoarchive, die einen umfassenden Zugang zu audiovisuellem Kulturerbe ermöglichen, stehen in diesem Spannungsfeld. Obwohl Videos breit verfügbar sind, hängt audiovisuelle Teilhabe wesentlich davon ab, wie Navigation, Auffindbarkeit und insbesondere auch die audiovisuellen Inhalte selbst gestaltet sind. Damit wird Zugänglichkeit zu einer kuratorischen und institutionellen Praxis, die die Bedingungen audiovisueller Wahrnehmung mitformt. Sie berührt grundlegende Fragen kultureller Teilhabe, der Vermittlung von Kulturerbe und der Verantwortung öffentlicher Kulturinstitutionen.

Die Forschungsvolontärin Judith Greitemann untersucht in dem Projekt 
Re-Accessing Audiovisual Archives: „Aesthetics of Access“ als künstlerisches Verfahren ableismussensibler Erschließung für Videokunst, wie digitale Videoarchive barrierefrei und ableismussensibel gestaltet werden können.
Im Zentrum steht die Weiterentwicklung des Video-Online-Archivs der Stiftung IMAI – Inter Media Art Institute, das derzeit mehr als 1.200 Videoarbeiten in voller Länge öffentlich zugänglich macht und damit wichtige Entwicklungen der Videokunst von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart dokumentiert.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie der Begriff „Aesthetics of Access“ auf digitale audiovisuelle Archive übertragen werden kann. „Aesthetics of Access“ (Ästhetiken der Barrierefreiheit) bezeichnet ein künstlerisches Verfahren, das Barrierefreiheit nicht als nachträgliche Ergänzung, sondern als Ausgangspunkt künstlerischer Praxis versteht. 3 Es basiert auf den Erfahrungen sowie den künstlerischen, gestalterischen und fachlichen Expertisen behinderter Menschen.4

Im Sinne der "Aesthetics of Access" entwickelt die Forschungsvolontärin kuratorische Interventionen, die Barrierefreiheit als gestalterisches Prinzip in die Struktur des Archivs einschreiben. Das Forschungsvolontariat greift damit in alle Arbeitsbereiche der Stiftung IMAI - Inter Media Art Institute ein und geht neue Kollaborationen mit künstlerischen, gesellschaftlichen und aktivistischen Initiativen ein, die experimentelle Untertitel-, Audiodeskriptions- und Gebärdensprachformate entwickeln. Das Archiv wird zum kuratorischen Handlungsraum, in dem Fragen von Wahrnehmung, Teilhabe und Repräsentation aktiv verhandelt werden.

Ziel des Projekts ist es, Ansätze für eine ableismussensible Erschließung zu entwickeln, die Barrierefreiheit als Bestandteil kuratorischer Praxis etablieren und neue Impulse für den Umgang mit audiovisuellem Kulturerbe in digitalen Archiven setzen.

 

Das Forschungsvolontariat wird von der Landeshauptstadt Düsseldorf und dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW unterstützt. Die Arbeit der Forschungsvolontärin wird von Dr. Linnea Semmerling (Stiftung IMAI - Inter Media Art Institute) in Kooperation mit Prof. Dr. Renate Buschmann (Universität Witten/Herdecke) begleitet.

 

Quellen

1   Erika Balsom (2017) After Uniqueness: A History of Film and Video Art in Circulation. New York: Columbia University Press.

2   Emily Watlington (2019): The Radical Accessibility of Video Art (for Hearing People). In: Future Anterior, 16(1), S. 111–121.

3   Jenny Sealey /  Carissa Hope Lynch (2012): Graeae: An Aesthetic of Access – (De)Cluttering the Clutter. In: Susan Broadhurst / Josephine Machon (Hrsg.), Identity, Performance and Technology: Practices of Empowerment, Embodiment and Technicity, Basingstoke: Palgrave Macmillan, S. 60–73.

4   Fia / Sophia Neises (o.D.) Aesthetics of Access. Verfügbar unter:  https://diversity-arts-culture.berlin/woerterbuch/aesthetics-access (Zugriff: 20.05.2026).

 

Judith Greitemann 

Gefördert durch

In Kooperation mit

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